Meine City-Nacht Geschichte

Es ist Anfang der 2000er Jahre und ich bin begeisterter Volksläufer. Über Mundpropaganda habe ich von einem schnellen und gutem Kurs in Berlin erfahren. Der ist nicht 9.2km oder 10.4km lang, sondern wirklich 10.0km, also auch wirklich und offiziell bestzeitenfähig. 2004 stehe ich das erste Mal in Berlin an der Startlinie und es ist für einen Volksläufer überwältigend, sogar ein bisschen beängstigend. Mehrere tausend Läufer und ich mitten drin. Das Vorhaben: eine schnelle Zeit, vielleicht unter 35min.

Die Sekunden vor dem Start sind für einen Läufer aus psychischer Sicht die anstrengendsten. Du weißt, gleich geht die Hatz los und du wirst kämpfen und hecheln bis dir die Zunge aus dem Hals hängt. Irgendwann werden die Beine schmerzen und dir sagen „hör auf damit“, aber du machst unermüdlich weiter. Das Ziel vor Augen. Du weißt es vorher und trotzdem rennst du los, sobald der Startschuss fällt. Und dann ist da dieses Lied vor dem Start der City-Nacht, zumindest die ersten 30s davon. AC/DC mit „Hell’s Bells“. Ich muss gestehen, dass mein Körper jedes Mal in den Wettkampfmodus fährt, wenn er dieses Stück hört. Unterbewusst. Das Herz schlägt schneller, Schweiß bricht aus und Adrenalin wird im Blut verteilt.

2004 komme ich als 30. Läufer mit 35:02min ins Ziel. Mit dem Vorhaben nächstes Jahr wieder zu kommen und schneller zu sein. Warum? Weil ich merke, das es geht. Mit ein bisschen mehr Training. Und so starte ich Jahr um Jahr und werde immer ein Stück schneller. Ich finde es beeindruckend, wie schnell die Ersten vorne laufen. Obwohl ich so schnell renne, wie ich kann, und eigentlich auch gut trainiert habe, sind sie mir immer noch 4-5min voraus. Ich sehe sie auf dem Ku’damm. Ich bei Kilometer 7 vor der Wende, sie bereits auf dem Weg im Ziel auf dem letzten Kilometer. Ich wünschte mir irgendwann mal so schnell zu laufen wie sie und wenn möglich auch mal auf dem Podest auf der großen Bühne zu stehen.

Jahr Zeit [min] Platz
2004  35:02  30
2005  33:46  29
2006  32:58  25
2007  31:45  11
2008  31:11  14
2009  31:15  8
2010  30:45  7
2011  30:33  4
2012  verletzt  —
2013  Hitzeausfall  —
2014  30:37  3

Ab 2006 nimmt dieser Wunsch Formen an. Ich lerne Paul und Matthias in Dresden kennen und meine Zeiten sinken unter 32min. 2008 lerne ich meinen jetzigen Coach Jens Karraß kennen und mit einem Jahr Verzögerung kommt ein erneuter Leistungsschub. 2011 bin ich kurz davor auf das Podium zu kommen, doch ich verschieße meine Körner zu früh und muss Platz 2 und 3 auf den letzten 2km ziehen lassen. 2012 kann ich nicht antreten, da Beugerprobleme ein vernünftiges Training verhindern und ich nicht mit einer schlechten Form laufen möchte. 2013 bin ich wieder gut drauf, kann im Training gute Zeiten wie 2011 laufen, aber der 10km-Lauf fällt hitzebedingt aus.

2014 ein neuer Versuch mit starker Konkurrenz. Ein Großteil der deutschen Halb- und Marathonszene ist am Start. U.a. der dt. Halbmarathonmeister, die ersten drei der Marathonmeisterschaft von 2013 und einige Topläufer aus der aktuellen und vorjährigen Jahresbestenliste. Ein Feld das viel zulässt. Gute Zeiten, aber auch Überraschungen.

Die ersten Kilometer laufen ganz gut bei mir. Ich befand mich in der Spitzengruppe und konnte eigentlich ohne große Mühe mitlaufen. Kilometer 5 passierten wir 15:09min. Bei Kilometer 6 zog Manuel Stöckert das Tempo an und ich fühlte mich eigentlich in der Lage ihm zu folgen. Allerdings hielt dieses Gefühl nur 500m und ich musste abreißen lassen. Dieser kurze Antritt kostete mich viel Kraft und ich musste mich wieder ins Verfolgerquartett einordnen, was mir nur schwer gelang. Nach der Wende auf dem Ku’damm (bei etwa 8km) musste ich sogar eine Lücke reißen lassen und war nur auf Platz 5, weil mir die Kraft fehlte. Aber ich erholte mich, irgendwie; konnte wieder auf die Verfolgergruppe aufschließen und auf den letzten 500m meinen Turbo zünden. Auf dem Zielstrich kam noch mein Freund und Vereinskollege Robert Krebs vorbei und schnappte mir den zweiten Platz vor der Nase weg. Es klingt komisch, aber es war oder ist mir fast egal, denn ich stand später auf dem Podest auf der großen Bühne.

1 Antwort

  1. markus sagt:

    Marc,
    das war ein erstklassisches finish – grosses Kompliment – und dazu noch eine sehr schöne geschichte :):)